AUF DER WALZ

Die Wanderschaft erscheint noch vielen wie ein altes Relikt aus der Vergangenheit. Eine Tradition der jungen Bauhandwerker/innen nach der Ausbildung auf die Reise zu gehen um neue Handwerkstechniken und Bräuche aus den unterschiedlichsten Regionen zu erlernen.

Im Mittelalter, entstanden aus der Not der Familien, schickte man die jungen Gesellen einerseits aus dem Haus, um einen Kopf weniger ernähren zu müssen, zum anderen, um der Stadt durch neue Arbeitstechniken und -erfahrungen Fortschritt zu bringen.In einigen Regionen wurde der Handwerker erst dann als Bürger der Stadt akzeptiert, wenn er von der Wanderschaft zurückkam. Doch die Regeln und Geschichten variieren von Region zu Region. So waren auch die Dauer der Wanderschaft unterschiedlich lang oder kurz festgesetzt sowie die Distanz, die sich der Wandergeselle nicht seinem Heimatort nähern durfte. Bis heute hat sich die Regel von drei Jahren und einem Tag und dem Radius von 50km Bannkreis bis zur heutigen Zeit erhalten.
Die Handwerker aus den unterschiedlichsten Berufsschichten gehen heute, wie früher auch, wieder auf die Straße. So findet man nicht, wie geglaubt, bloß Zimmerleute auf der Walz, sondern auch Maurer, Steinmetze, Bootsbauer, Tischler, Maler, Buchbinder und Schmiede um nur einige der 32 Berufsarten zu nennen. Heute sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt und man findet auch so manch einen modernen Beruf auf der Straße , der früher völlig unüblich gewesen wäre, der der Bauhandwerkerinnen. Seit den 70er Jahren hat sich auch die Tradition der Neuzeit angepasst und zehn Prozent der Reisenden ist weiblich.

Der/Die junge/n Bauhandwerker/innen gehen nur mit dem nötigsten in ihrem Bündel und den Sachen, die sie am Leibe tragen, auf die Wanderschaft. Er sucht sich seinen Stenz, den er zum Wandern, Gepäckabstützen und notfalls zur Verteidigung benötigt, aus dem Wald. Dieser "Wendelstock" mit seiner gedrehten Form ist genauso ein Markenzeichen wie seine Tracht, sein Charly (Gepäck) und den Ohrring, den er im Ohr trägt.
Alles hat seine Bedeutung: So besitzt die Jacke acht Perlmuttknöpfe für die acht Stunden Arbeit am Tag. Seine Weste, mit sechs Knöpfen versehen, bezeichnet die Arbeitstage und die drei Knöpfe rechts und links an den Jackenärmeln stehen für die drei Lehr- und Wanderjahre.
Die Farben der Tracht sind den Materialien der Berufsarten angepasst, so steht schwarz für Holz (Tischler, Dachdecker...), weiß für Stein (Maurer, Gipser...), blau für die Handwerker, die sich mit Stahl beschäftigen (Goldschmied, Feinschmied..),rot für Stoff (Schneider, Segeltuchmacher..) und schwarz-weiß-kariert für die Lebensmittelberufe (Bäcker, Bierbrauer...) Der Ohrring, früher aus Gold, war die Versicherung des Reisenden und des Bauherren. Beim Verunglücken des Bauhandwerkers sicherte es ihm einen Platz auf den Friedhof und gab den Hinterbliebenen Geld für die Bestattung. Sollte der Bauhandwerker aber ein Fehlverhalten an den Tag gelegt haben, z. B. seine Kollegen abgezockt oder das Dach fehlerhaft gebaut haben, so wurde ihm der Ohrring herausgerissen, und die ganze Welt wusste Bescheid, dass er ein "Schlitzohr" war. Heute sind die Ohrringe aus Silber und keiner muss mehr solche Bräuche fürchten. Werden sie zwar heute noch für den Außenstehenden rabiat mit dem Hammer und einem Nagel gesetzt,dienen sie heute nur noch als Erkennungssymbol.
Ein jeder Wandergeselle besitzt ein Wanderbuch, das er immer mit sich führt und worin die verschiedensten Firmen und Privatleute, bei denen geholfen wurde, einen kleinen Arbeitsbericht und Reisewünsche eintragen.
So schlagen sich die jungen Wandergesellen noch heute mit ihrem Schlafsack, einer Kluft zum Arbeiten und einer zum Reisen sowie den nötigsten Wechselsachen, um das Werkzeug mit Tüchern verpackt ,durch die Straßen, Länder und Regionen. Ein wunderbar unabhängiges Leben wartet auf die junge Burschen oder Mädel, mit jeder Menge Erfahrungen und Abenteuer. Alles wird bereist, wie es früher Sitte war, mit dem Daumen oder zu Fuß, ohne Handy und ohne Geld fürs Nächtigen auszugeben.
Die Leute auf der Straße passen auf sich gegenseitig auf, lernen die alten Regeln und achten darauf, dass keiner aus der Reihe tanzt. Informationen verbreiten sich per Buschfunk. Dieses sowie die Regeln unverheiratet, schuldenfrei und nicht vorbestraft zu sein, geben uns seid Jahren einen guten Ruf und ermöglichen uns einzigartige Möglichkeiten zum Lernen.
Das Leben ist nicht immer einfach. So geht man mit fünf Euro los und kehrt zurück mit dem selbigen, damit die Zeit der Wanderschaft nicht zum wirtschaftlichen Bereichern genutzt wird, sondern dem Lernprozess und der eigenen Entwicklung gutgeschrieben wird.
Verhungert ist noch keiner und Arbeit findet sich für diese jungen, ihren Beruf liebenden, Handwerker immer recht schnell. Nach nicht länger als drei Monaten an einem Ort zieht es sie von allein wieder zurück auf die Straße.